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Meine Erfahrungen und Erlebnisse in Russland

Dieses Jahr feiern wir das Jahr der Demokratie – 90 Jahre Weimarer Verfassung, 60 Jahre Grundgesetz und 20 Jahre Friedliche Revolution. Anlass genug, sich mit dem Thema „Menschen - und Bürgerrechte“ auseinander zu setzen, denn nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch einfordern. Aus diesem Grund veranstaltete die Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte in Weimar (EJBW) vom 03. – 12 Juli 2009 eine Reise nach Perm in den Ural, um über die Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in den jeweiligen Ländern zu diskutieren.

Durch die Reise wurde ein großer Traum für mich wahr, da ich schon immer das Abenteuer erleben wollte, nach Russland zu fahren und dort die Kultur und das Leben der Russen kennen zu lernen. Insgesamt nahmen an der Reise zehn Schüler im Alter von 16-18 daran teil, die alle in Thüringen wohnen. Alle waren schon sehr gespannt, was das Abenteuer Russland mit sich bringen wird.

Doch unser Abenteuer begann erst einmal in Weimar. Dort übernachteten wir in der EJBW und wurden von unserem Betreuer Eric Wrasse empfangen, der viele Jahre in Russland lebte und der uns während der Seminare die ganze Zeit begleitete. Nach unserer kurzen Nacht in Weimar startete unsere Reise mit dem Intercity nach Berlin, wo wir vom Flughafen Schönefeld aus mit dem Flugzeug in Richtung Moskau flogen. Bis dahin war die Reise noch sehr entspannt, da man den „deutschen Komfort“ weiterhin genießen konnte.

Doch bevor wir weiter in den Ural reisten, hatten wir zum Glück noch etwas Zeit, um Moskau zu besichtigen. Besonders beeindruckt hat mich der Rote Platz im Zentrum der Stadt, der mit seiner Basilius-Kathedrale, dem GUM und dem Lenin-Mausoleum sehr imponierte.

Nachdem die Zeit in Moskau verstrichen war, setzten wir unsere abenteuerliche Reise fort. Von Moskau aus waren es „nur“ noch knapp 22 Stunden mit der Transsibirischen Eisenbahn, die wohl den spannendsten Abschnitt unserer Reise darstellen sollte. Der Gang in der Mitte war so breit wie ein Koffer, die Liegen waren nicht unbedingt komfortabel, die Luft im Waggon war stickig, da hier bis zu 80 Leute auf engstem Raum miteinander auskommen mussten. Und für die knapp 80 Leute gab es dann sage und schreibe 2 kleine Toiletten mit Waschbecken, jeweils am Ende des Waggons. Aber wenn es anders gekommen wäre, dann hätte ich auch in Deutschland bleiben können. Schließlich hatte ich mich schon auf das Abenteuer Russland vorbereitet. Deswegen bin ich auch sehr gut in der Transsib zurecht gekommen, da ich die Zeit genutzt habe, um die deutschen Teilnehmer besser kennen zu lernen, aber auch um mit Russen ins Gespräch zu kommen, damit ich meine Russischkenntnisse anwenden kann.

22 Stunden später sind wir dann endlich in Perm angekommen, was jedoch noch nicht unsere letzte Station sein sollte. Wir waren im 200 km östlich von Perm gelegenen Lyswa untergebracht, so dass die Fahrt bis dahin noch einmal 3 Stunden dauern würde. Doch bis wir dort überhaupt ankamen, hatte unser Bus eine Panne, so dass er uns mit 2 Stunden Verspätung endlich abholen konnte und uns zu unserer Unterkunft fuhr. Wenn man also die ganze Fahrt zusammenrechnet, sind wir 42 Stunden, also knapp 2 Tage, in den Ural gefahren, bis wir unser Ziel endlich erreichten.

Erschöpft von unserer Reise war es uns dann auch relativ egal, wo wir untergebracht waren. Wir hatten mit dem Schlimmsten gerechnet, da nicht einmal unser Betreuer wusste, wo wir untergebracht werden. Anfangs war die Rede davon, dass wir in Gastfamilien übernachten, doch leider war das dann doch nicht möglich. Glücklicherweise waren dann unsere schlimmsten Erwartungen doch nicht die Realität, denn die Unterkunft war sehr ordentlich und es gab nichts zu beanstanden. Das Badezimmer und die Toilette, wovor wir die meisten Sorgen hatten, waren sehr sauber.

Am nächsten Morgen gab es dann das langersehnte Frühstück; das erste Mal seit knapp 2 Tagen, dass es etwas „Richtiges“ gab. Leider essen die Russen immer recht wenig zum Frühstück, so dass die Portionen immer recht klein waren und man sich den restlichen Hunger durch russische Kekse und Konfekt vertreiben musste. In der Regel gab es früh meistens wie in Deutschland Brot zu essen mit Wurst und Käse, einen Tag auch Omelette und bevor wir wieder Richtung Heimat aufbrachen, gab es Pelmeni. Das sind Teigtaschen, gefüllt mit Hackfleisch, die meistens mit Schmand serviert werden. Gestärkt vom Frühstück und schwarzem Tee, der zu jeder Mahlzeit gereicht wird, sind wir nach Lyswa, eine Stadt mit knapp 70.000 Einwohnern, aufgebrochen, um die russischen Jugendlichen zu treffen. Wir wurden herzlichst von ihnen empfangen. Bevor wir uns aber näher kennenlernen konnten, haben wir erst ein paar Eindrücke von Lyswa bekommen, indem wir das Stadttheater besuchten und einen Rundgang durch die Stadt machten.

Außerdem besuchten wir das Heimatmuseum der Stadt und sind in das städtische Emaille-Werk gefahren, um einen Überblick über den Hauptwirtschaftszweig Lyswas zu bekommen. Nach dem mageren Frühstück gab es dann endlich Mittagessen, was glücklicherweise üppiger ausfiel als das Frühstück. Zuerst gab es eine Vorspeise, dann das Hauptgericht und zuletzt noch Kompott. Es gab teilweise wieder typisch russische Gerichte, wie z.B. Buchweizen mit Boulette oder auch Borschtsch, eine Suppe mit roter Beete. Danach hatten wir endlich die Möglichkeit, die Russen etwas näher kennen zu lernen. Durch verschiedene spielerische Übungen sollten wir im Team zusammen überlegen, wie wir gemeinsam das Problem lösen können. Ein einfaches Beispiel hierfür ist die Pantomime, durch die man gleich offener gegenüber den Russen wurde. Leider wohnten sie nicht mit bei uns in der Unterkunft, so dass sie abends wieder nach Hause fuhren.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen begannen wir dann gemeinsam unser erstes Seminar über das Thema „Menschen- und Bürgerrechte“. Wir hatten die Aufgabe, diese in einer kleinen Gruppe als Statue darzustellen bzw. als kleines Rollenspiel vorzuspielen, was für uns sehr lustig war, da ich trotz der Russischkenntnisse, die ich hatte, sehr wenig verstand und es immer wieder zu Missverständnissen kam. Aber mit Händen und Füßen konnte man sich letztendlich verständigen. Es gab eine große Anzahl von Menschenrechten, die wir im Laufe unserer Seminare betrachteten, jedoch standen oft das Thema „Recht auf Asyl“ , die Gleichberechtigung von Mann und Frau, aber auch das Thema Homosexualität im Mittelpunkt unserer Diskussionen.

Während unseres Aufenthaltes in Russland versuchten wir oft in den Seminaren, uns durch Rollenspiele in die Lage eines anderen zu versetzen, um dann darüber diskutieren zu können, wie z.B. die unterschiedliche Standpunkte abhängig von der jeweiligen Gesellschaft sind.

Der Tag darauf bestand auch aus Seminaren, jedoch hatten wir Nachmittag Freizeit, um mit den Russen etwas zu unternehmen. Sie führten uns durch Lyswa und zum krönenden Abschluss des Tages gingen wir in ein Blini - Restaurant. Blini – das sind russische Pfannkuchen, die entweder herzhaft oder auch mit Schokolade und Bananen gefüllt werden können. Ich entschied mich für die süße Variante, was eine sehr gute Wahl war, da es sehr gut geschmeckt hat. 

Der vierte Tag war einer der interessantesten, aber auch einer der ernsten Tage der Reise. Denn an diesen Tag sind wir nach PERM 36, einem ehemaligen Gulag in der Sowjetunion, gefahren, um zu sehen, wie Menschenrechte auch mit Füßen getreten werden können. Das Gulag, welches das einzige bestehende Gulag-Museum auf dem ehemaligen Gebiet der Sowjetunion darstellt, könnte man theoretisch mit dem KZ Buchenwald vergleichen. Es war auch eine Art Arbeitslager, jedoch war es nicht in dieser Größe, wie man sie aus der Zeit des dritten Reiches kennt, sondern es waren maximal 250 Häftlinge in einem Gulag untergebracht. Letztendlich spielt dies aber keine große Rolle, denn es wurden durch das Gulag-System Millionen von Menschen unschuldig durch menschenverachtende Arbeitsbedingungen zum Tode getrieben.

Nach diesem denkwürdigen Besuch hatten wir anschließend noch einen Termin in einer Russisch Orthodoxen Kirche, die nicht weit entfernt lag. Wir wurden dort von zwei Nonnen empfangen, die uns unser Mittagessen zubereiteten – Buchweizen mit Boulette. Nach dem Essen führte uns ein Priester zu einer Kapelle und erzählte über die Geschichte, die mit der Kapelle verbunden war. Am Ende konnte man noch in kaltes Wasser springen, um seine Seele zu reinigen. Mir war es dann aber doch ein bisschen zu kalt, da wir in Russland ständig um die 15°C hatten. Alles in allem war es eine sehr interessante Erfahrung für mich, die russisch-orthodoxe Kirche näher kennen zu lernen, jedoch fand ich die Position des Priester intolerant, da dieser der Meinung war, wer nicht an die russisch-orthodoxe Kirche glaube, sei ein böser Mensch mit einer bösen Seele. Drei Stunden später sind wir endlich in unserer Unterkunft angekommen. Wir genossen den gemeinsamen Abend mit den Russen bei einem typisch russischen Grillabend mit Schaschlik, bei dem sogar das örtliche Fernsehen vorbei kam, da es nicht jeden Tag vorkommt, dass Deutsche zu Besuch im tiefsten Russland sind.

Am letzten Tag brachen wir dann nach Perm, eine Stadt mit knapp einer Millionen Einwohnern, auf. Die Fahrt dauerte knapp drei Stunden, aber das ist wohl normal für russische Verhältnisse. Angekommen in Perm, hatten wir natürlich wieder einen straffen Terminplan. Davor mussten wir aber erst einmal in das Hotel einchecken, wo wir untergebracht waren. Das Hotel an sich war nicht schlecht, doch unser Badezimmer war schon sehr alt und nicht unbedingt sehr sauber. Zum Glück übernachteten wir dort nur eine Nacht, bevor wir wieder in Richtung Heimat aufbrechen werden. Als nächstes hatten wir einen Termin beim Jugendbeauftragten der Stadt Perm und dem Permer Gebiet. Er erzählte uns über die Unterstützung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit wirtschaftlichen, aber auch kulturellen und sozialen Problemen. Er war auch sehr daran interessiert, wie die Jugend in Deutschland unterstützt und gefördert wird. Danach waren wir in einer Moschee, in der uns der Verantwortliche über die Geschichte des Islams in Russland erzählte. Wir konnten ihn auch Fragen über den Islam stellen, die er uns gerne beantwortete. Im Gegensatz zum Besuch bei der russisch-orthodoxen Kirche finde ich, dass der Verantwortliche in der Moschee toleranter gegenüber anderen Meinungen in der Religion war und dass Glaube in einem Vielvölkerstaat wie Russland sehr bedeutsam ist.

Endlich hatten wir auch etwas Freizeit in Perm, so dass uns die Russen etwas von der Stadt zeigen konnten. Wir gingen in einen Vergnügungspark, wo z.B. eine Wikingerschaukel „nach russischem Standard“ fuhr. Ich traute mich nicht, dort mitzufahren, aber die Russen hatten natürlich keine Probleme damit und sie sind auch heil wieder ausgestiegen. Nach unserer Freizeit ging es dann zum nächsten Termin. Normalerweise sollten wir in eine deutsch-evangelische Kirche mitten in Perm gehen, aber da unser Betreuer sie anscheinend verwechselt hatte, waren wir schließlich in einer katholischen Kirche gelandet. Aber der Besuch der Kirche dauerte nicht all zu lang und bevor wir uns schließlich von unseren russischen Freunden verabschieden mussten, haben wir noch die gemeinsame Zeit genossen, in dem wir viele Erinnerungsfotos geschossen haben und unsere Kontaktdaten ausgetauscht haben.

Es war ein sehr tränenreicher Abschied, denn wir hatten uns alle sehr gut verstanden, auch wenn wir teilweise die Sprache des anderen gar nicht verstanden. Doch bevor sich unsere Wege trennten, haben wir den Russen noch kleine Andenken geschenkt, damit sie sich an die gemeinsame Zeit mit uns noch Jahre lang erinnern können.

So waren 5 Tage in Russland schon fast wieder vorbei. Doch bevor wir am nächsten Morgen wieder in Richtung Heimat fuhren, wollten wir den letzten Abend noch einmal gemeinsam nutzen und sind in eine Bar gegangen, um ein paar Cocktails zu trinken.

Und am nächsten Tag ging es dann schon recht früh los. Wir hatten noch Frühstück im Hotel und danach ging es mit unseren Koffern zum Bahnhof nach Perm, wo uns die 22-stündige Fahrt nach Moskau erwartete. Diesmal war die Reise jedoch entspannter, da ich von den 22 Stunden knapp 16 Stunden schlief. Von Moskau aus ging es dann nach kurzem Aufenthalt zum Flughafen, wo wir letztendlich wieder in Berlin-Schönefeld ankamen. Von dort aus dauerte es nicht mehr lange, bis ich erschöpft, aber auch mit sehr vielen neuen Erfahrungen und neuen Eindrücken zu Hause ankam.

Für mich war diese Reise ein einmaliges Erlebnis, was ich wahrscheinlich nie wieder vergessen werde. Es wird definitiv nicht meine letzte Reise nach Russland gewesen sein, da mich die russische Kultur, Sprache und auch das Essen fasziniert haben.

Ich möchte mich für dieses Abenteuer vor allem bei der EJBW und Eric Wrasse bedanken, da diese es mir erst ermöglicht haben, so viele Eindrücke in einer solch kurzen Zeit zu sammeln.

Christian Bernstein / A11 DE
Veit-Ludwig-von-Seckendorff-Gymnasium Meuselwitz

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 28. Mai 2013 um 15:49 Uhr  
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